Weltensicht
Wie sind wir hier gelandet?
· Lin Bertschi Jadama

Was wir heute sehen, ist nicht individuelles Scheitern, sondern systemische Konsequenz.
Der verlorene Respekt, die gescheiterten Beziehungen sowie orientierungslose Kinder und Jugendliche sind weder ein Zufall, noch ein natürliches Phänomen. Es ist auch kein persönliches Versagen der heutigen Menschen. Nein es ist ein kollektiver Prozess. Einfache Schuldzuweisungen werden uns nicht weiter bringen. Es geht viel tiefer, wir wurden Schritt für Schritt hierhergeführt. Wir erleben die Folge historischer und kultureller Entscheidungen.
Die Entwertung des Weiblichen
Um zu verstehen, wie dieser Zustand entstanden ist, müssen wir ziemlich weit in die Vergangenheit reisen. Die Entwicklung geschah nicht von heute auf morgen, doch als Wendepunkt kann klar das Konzil von Nicäa (325 n.Chr.) und Konstantinopel (381 n.Chr.) benannt werden. Dort wurde von kirchlichen Machteliten und Konzilsentscheidungen zentrale Weichenstellungen vorgenommen. Diese Weichenstellungen haben uns zu dem Punkt geführt, wo wir heute stehen.
Was war vor Nicäa anders?
Vor 325 war das Christentum eine spirituelle Bewegung, in der Weiber und Männer eine wichtige Rolle spielten. Nach dem Konzil wurde die christliche Bewegung durch die entstehende institutionelle Kirche zu einem religiösen Machtinstrument des römischen Reiches. Vorher gab es viele christliche Gemeinden mit lokalen Ausprägungen und Charisma. Danach war es eine verbindliche Lehre mit Dogmen die durchgesetzt wurden.
Die Zeit war geprägt von Bücherverbrennungen, Berufsverbote und sozialer Vernichtung Andersdenkender. Das war keine natürliche Entwicklung, sondern das Ergebnis bewusster Entscheidungen kirchlicher Machteliten, die Einheit und Kontrolle anstrebten. Einheit wurde wichtiger als Vielfalt, die spirituelle Beweglichkeit endete. Abweichler wurden politisch bekämpft, Wahrheit wurde definiert und nicht mehr erfahren.
Wo vor Nicäa Autorität durch Geist, Berufung und Wirksamkeit existierte, wurde nach dem Konzil Autorität durch Amt, Weihe und Rang verliehen. Weshalb war das so? Macht braucht Struktur, nicht Beziehung. So wurde Autorität an ein Amt gebunden und das Amt an das Männliche.
Kirchenväter und theologische Autoritäten stellten weibliche Autorität als unzuverlässig, emotional und gefährlich dar. Kirchenväter schrieben explizit: „Das Weib ist das Tor zur Sünde, da sie körperlich und triebhaft sei.“ „Das Weib muss geführt werden.“
Wo es vorher normal war, dass Weiber Gemeinden leiteten, Taufen durchführten, Prophezeiungen machten und Hauskirchen vorstanden, verloren sie nun den Zugang zur Spiritualität. Diese musste nun im Rahmen einer dogmatischen Religion/Kirche gelebt werden. Dadurch wurde der Geist kontrollierbar und die weibliche Autorität verschwand. Das Weib konnte nicht mehr Trägerin sein, sie wurde zur Empfängerin.
Besonders durch den Theologen und Kirchenvater Aurelius Augustinus (354-430 n. Chr.) wurde die Schuld, Sünde und Gnade im Christentum etabliert. Der Körper wurde als Gefahr für das Seelenheil definiert. Die Lust wurde zum Sündenfall und aus Sexualität wurde Träger der Erbsünde. Das war eine bewusste theologische Setzung, keine biblische Vorgabe. Der Weiberkörper wurde besonders verdächtigt, Träger von Schuld und Bösem zu sein. Eine Geburt wurde als Schuldweitergabe definiert und der Zyklus galt als Unreinheit. Das Weibliche wurde nicht nur sozial sondern auch theologisch problematisch.
Maria konnte innerhalb der kirchlich-dogmatischen Lehre nur existieren, da sie als Jungfrau, entsexualisiert und gehorsam dargestellt wurde, nicht als Kraftvolle Muttergöttin. Gott als Vater, der Sohn gezeugt nicht geboren, degradiert die Mutter auf funktional und nicht schöpferisch.
Was hier geschah: eine gezielte Umformung des Weiblichen und Entmachtung des Mütterlichen!
Die Urgöttin „(Pistis) Sophia“ wurde aus dem Bewusstsein gestrichen (ich werde in späteren Artikel vertieft auf Pistis Sophia eingehen). Sophia die Weisheit wurde durch den Logos entmachtet.
Wie können wir das verstehen, was ist geschehen?
Logos ist ein philosophischer Sammelbegriff, im 4 Jahrhundert wurde er theologisch verengt. Ursprünglich war es das ordnende Prinzip hinter allem, nicht Beziehung, sondern Gesetzmässigkeit. Gott wurde erlebt, nicht erklärt. Wahrheit war Beziehung und nicht Definition. Durch das Eingreifen der Kirchenväter wurde Logos zum Massstab, aus Philosophie wurde Theologie. Logos das ordnende Prinzip, das erklärende Wort, die rationale Struktur und metaphysische Wahrheit.
Das entscheidende ist: Logos lässt sich denken, lehren, prüfen und festlegen – deshalb ist er systemtauglich. So wurde Weisheit nicht mehr gelebt sondern definiert. Die Erfahrung steht nicht mehr im Zentrum sondern die Lehre. Nicht Beziehung, sondern Ordnung führt. Der Körper und Geist sind nicht mehr verbunden sondern der Geist steht über dem Körper. Das weibliche und männliche stehen nicht mehr im Spiel, sie werden abstrakt und entkörpert.
Mit der Verschiebung von Sophia (Weisheit) zur Logos-Theologie, verlagerte sich der Fokus von gelebter Weisheit hin zu abstrakter Ordnung. Wahrheit wurde weniger erfahren als definiert. Somit wurde das Ursprüngliche nicht widerlegt, sondern entmachtet.
Nicht nur Sophia wurde aus dem Gedächtnis gelöscht sondern auch die Göttinnenbilder verschwanden. Sie waren zu mächtig, zu körperlich, zu zyklisch und zu autonom. Ein Gott ohne Körper, ohne Zyklus, ohne Geburt und ohne Mutter ist kontrollierbarer.
Lokale Göttinnen wurden im 4 - 7 Jahrhundert entweder zu Heiligen umgeformt (und somit kontrolliert) oder zu Dämonen erklärt und somit vernichtet. Eine bewusste Strategie, Integration in die Kirche oder Zerstörung. Dadurch brachen im Laufe der Zeit alte Kulte ab und die weibliche Autonomie wurde mehr und mehr dämonisiert. So war auch die spätere Hexenverfolgung kein Ausrutscher sondern eine über Jahrhunderte wirksame Strategie.
Erfahrungen waren nicht mehr da um sich zu entwickeln, strenger Gehorsam war angesagt. Die Wahrheit kommt von oben, verkündet durch ein Amt. Wer daran Zweifel hegte wurde zum Sünder. Eigenwahrnehmung wurde somit mehr und mehr gefährlich. Insbesondere bei Weibern wurde sie als Hysterie oder Besessenheit deklariert. Die Konsequenz daraus, die innere Autorität und Wahrnehmung wurde zerstört.
Eine bewusste Wissenspolitik wurde eingeführt. Alte Schriften wurden vernichtet und alternative Evangelien verboten. Das Wissen wurde selektiert. So wurde das ursprünglich offene Christentum in eine institutionell kontrollierbare Form überführt – nicht reifer, sondern beherrschbar.
Das Weibliche verschwand nicht, es wurde systematisch unbrauchbar gemacht! Das war weder Zufall noch ein Missverständnis. Es war Machtpolitik aus Angst vor Unkontrollierbarkeit und Misstrauen gegenüber den Menschen.
Zusammenfassend: Es waren bewusste Entscheidungen, strukturelle Gewalt und eine systematische Verdrängung des Weiblichen zugunsten von Kontrolle, Einheit und Macht. Nicht aus Bosheit eines Einzelnen aber mit realen Konsequenzen.
Und wo stehen wir heute?
Was gerade passiert, ist keine „Befreiung der Frau“, sondern eine strukturelle Entwertung des Männlichen. Und sie ist genauso real, wirksam und zerstörerisch wie die frühere Verdrängung des Weiblichen – nur anders codiert.
Wir werden uns das noch genauer anschauen.
