Weltensicht
Die schleichende Delegitimierung der Männlichkeit
· Lin Bertschi Jadama

Was heute passiert, ist keine „Befreiung der Frau“, sondern eine strukturelle Entwertung des Männlichen. Sie ist genauso real, wirksam und zerstörerisch wie die frühere Verdrängung des Weiblichen – nur anders codiert.
Wann war der Auftakt zur heutigen Misere der Männer?
Die erste Phase finden wir während der Industrialisierung (ca. 1850–1950). Ab da gingen die Männer in die Fabrik, bereits in den frühen Morgenstunden, und kehrten erst am späten Abend wieder zurück in die Familie. Die Männer waren nicht mehr vor Ort und die Initiation der heranwachsenden Jungen blieb aus. Das bedeutet, die Männlichkeit blieb unreif oder orientierungslos, so wird Kraft entweder unterdrückt oder unkontrolliert ausgelebt.
„The love unit most damaged by the Industrial Revolution has been the father-son bond.“ — Robert Bly, Iron John
(Die Beziehung, die durch die industrielle Revolution am stärksten beschädigt wurde, ist die Bindung zwischen Vater und Sohn.)
Eine Initiation wurde durch den Vater oder Männer in der Gemeinschaft gegeben, sie bestand aus Ritualen oder Prüfungen. Sie wurde von älteren Männern begleitet und bestätigt. Das Wichtigste war nicht das Ritual selbst, sondern die Bestätigung an den Jungen, der von Männern gesehen und anerkannt wird, mit den Worten: „Du bist jetzt ein Mann.“
Dabei wurde nicht einfach Theorie vermittelt, sondern Erfahrung. Jungen lernten, wie gehe ich mit Kraft um, wie übernehme ich Verantwortung, wie setze ich Grenzen. Wie halte ich Angst, Druck und Konflikt aus und wofür stehe ich im Leben. Hier geht es ganz klar nicht nur um Verhalten, sondern um innere Haltung.
Ohne diesen bewussten Übergang bleibt Männlichkeit unreif oder orientierungslos. Die Kraft wird entweder unterdrückt oder unkontrolliert gelebt. Genau da entsteht das, was heute oft als Problem sichtbar wird.
So wurde durch die Industrialisierung der Mann auf Leistung, Produktivität und Konkurrenz reduziert. Aus dem Vater wurde ein Ernährer, die Initiation wurde auf den Arbeitsplatz verlegt und der Sinn vom Leben wurde auf den Erfolg am Arbeitsplatz reduziert.
–> Der Mann wurde entseelt, lange bevor er politisch attackiert wird.
Phase 2: Nachkriegszeit ab 1945
Was geschah hier? Die Männer kehrten aus dem Krieg zurück, traumatisiert, emotional abgeschnitten und ohne Raum, das Erlebte zu verarbeiten. Gleichzeitig entsteht gesellschaftlich ein neues Bild: Die männliche Kraft wird nicht mehr als notwendig angesehen, sondern als gefährlich. Das hatte zur Folge, dass Männer nicht über das Erlebte sprachen, sie funktionierten weiter, bauten auf und hielten durch. Doch innerlich spalteten sie sich ab von ihren Emotionen, lebten in Schuld und in Distanz zu sich selbst.
So wuchs die nächste Generation auf mit emotional abwesenden Vätern, strengen oder verschlossenen Männern mit wenig Nähe und keinem Spiegel. Daraus resultiert Unsicherheit im Mannsein, fehlende Orientierung und keine Weitergabe von reifer Männlichkeit.
Hier ist der Moment, wo Männlichkeit nicht mehr geführt, sondern unterdrückt oder gefürchtet wird. Die Heilung der Männer blieb aus, dafür entstand ein Bild: Männliche Kraft ist gefährlich. So entstand eine Generation von Männern, die funktionieren – aber nicht mehr verbunden sind.
In der Schweiz waren wir nicht direkt vom Krieg betroffen, doch wir hatten ein starkes Milizsystem. Hier ist der Schuld-Aspekt etwas schwächer, doch auch hier waren die Männer eingebunden in Pflicht, Disziplin und Verteidigung. So entstand auch hier eine Form von Männlichkeit, die funktioniert – aber oft wenig Zugang zu sich selbst hat.
–> Traumatisierte Männlichkeit ohne Sprache. Das wurde nie aufgearbeitet.
Ab diesem Zeitpunkt geht es immer schneller …
Phase 3: 1968 – die berechtigte Kritik an Machtstrukturen kippt
Während Jahrtausenden wurden Männer dazu erzogen, gefährliche Arbeiten zu verrichten und in den Krieg zu ziehen. Dazu kam die Ernährerrolle, bis hin zum eigenen Verschleiss. In einem lebensgefährlichen Umfeld war der Überlebensdruck die treibende Kraft. So gesehen war männliche „Macht“ historisch eher die Pflicht zur Selbstaufopferung als ein Privileg.
Warren Farrell zeigt, wie in dieser Zeit an den Universitäten ein altes Denkmuster auf die Geschlechter übertragen wurde: das Modell von Unterdrücker und Unterdrücktem. Der Mann wurde zur herrschenden Klasse erklärt, die Frau zur Unterdrückten. Damit ist jeder Mann automatisch Täter – nicht wegen dem, was er tut, sondern allein wegen dem, was er ist. Als Resultat wurde den Männern beigebracht, ihre eigene Machtlosigkeit als Macht zu sehen, und der Zwang wird als Privileg ausgelegt.
„…what any other group would call powerlessness, men have been taught to call power.“ — Warren Farrell, The Myth of Male Power
(Was jede andere Gruppe als Machtlosigkeit bezeichnen würde, wurde Männern beigebracht, als Macht zu bezeichnen.)
Aus dieser Zeit kommt die konstruierte Idee: Missbrauch = Männlichkeit, Gewalt = männliche Natur. Der Mann wird also nicht mehr als Mensch, sondern als Problem gesehen.
Phase 4: 1990–2010, die Entkernung
Männlichkeit wird entwertet, nicht geführt.
Hier sind wir in der Zeit angekommen, in der der Mann als „unfähig, emotional inkompetent, toxisch und zu korrigieren“ dargestellt wird. Wir konnten dies permanent in der Popkultur, den Medien und der Bildung verfolgen. Eine Inhaltsanalyse von Scharrer u. a. zeigt auf, wie Sitcom-Väter über die Jahrzehnte in ihrer Vaterrolle als „humorvoll, aber unfähig“ dargestellt werden: In den 1980er-Jahren waren es 18 % der Vater-Szenen, in den 1990ern bereits 31 %, bis hin zu den 2000er/2010er-Jahren, wo es bei über 50 % landete.
Wir finden viele Beispiele, wenn wir ins Internet schauen – das Stichwort „Bumbling Dad“ liefert da genug. Die männliche Inkompetenz wird zum „running gag“, während Frauen implizit als kompetenter gezeigt werden. Die klassische Geschlechterrolle bleibt bestehen, wird aber umgedeutet. So bekommt der Mann kein reifes Vorbild geboten, sondern nur die Lächerlichmachung des Alten.
„…men are somehow inherently ill-suited for parenting.“ — The Conversation, „Why are sitcom dads still so inept?“
(Sinngemäss: Wenn Sitcoms Väter stereotypisieren, wird suggeriert, Männer seien von Natur aus ungeeignet fürs Elternsein.)
Phase 5: ab ca. 2015, die offene Demontage
Jetzt sind wir im offenen Prozess.
Ich denke, wir alle sehen, lesen und erfahren es mit eigenen Augen und Ohren. Ich habe hier trotzdem einige Beispiele, die diesen Prozess belegen.
Die American Psychological Association (grösster Berufsverband für Psychologie in den USA) schreibt in ihren Leitlinien, Männlichkeit sei „vielschichtig“, und Eigenschaften wie Führungsstärke, Selbstvertrauen und Mut seien positiv. In den sozialen Medien wurde daraus jedoch:
„traditional masculinity — marked by stoicism, competitiveness, dominance and aggression — is, on the whole, harmful.“
(Traditionelle Männlichkeit – geprägt von Stoizismus, Wettbewerbsdenken, Dominanz und Aggression – ist insgesamt schädlich.)
Hier sehen wir den Bruch zwischen differenziertem Fachtext und plakativer Aussenkommunikation.
Ein Beispiel, das zwar erkennt, dass die Jungen heute in einer schwierigen Lage stecken: Richard Reeves warnt davor, die Sprache der „toxischen Männlichkeit“ zu nutzen und Jungen und Männer als Einzelne für strukturelle Probleme verantwortlich zu machen – das dränge sie ab, anstatt sie zu erreichen. Sein Lösungsvorschlag jedoch – „späterer Schuleinstieg für Jungen“ – schiesst wieder völlig am Ziel vorbei. Die Schule muss menschengerecht für Jungen und Mädchen sein; wir dürfen die Kinder nicht biegen oder brechen. Wie so eine Schule aussehen könnte, ist ein anderes, wichtiges Thema.
Auch im deutschsprachigen Raum ist dieser Prozess längst angekommen. In Deutschland gelten junge Männer inzwischen offen als „Problemgruppe“: Sie erhalten bei gleicher Leistung schlechtere Noten, schaffen seltener den höheren Schulabschluss, brechen häufiger die Schule ab und weisen deutlich höhere Suizidraten auf. Statt zu fragen, was diese jungen Männer brauchen, wird der Mann selbst zum Risiko erklärt – genau der Bruch, von dem diese Phase handelt.
Immerhin machen nicht alle bei der pauschalen Verurteilung mit. Die deutsche Bildungsministerin Karin Prien bringt es auf den Punkt:
„Man muss benennen, welche Strukturen zu solchen Missständen führen. Trotzdem muss man sich dringend davor hüten, alle Männer in einen Topf zu werfen.“ — Karin Prien
Es gibt unendlich viele Beispiele, die angeführt werden könnten. Fakt ist: Junge Männer hören nur, was sie nicht sein dürfen, aber nie, was sie sein sollen. Die männliche Energie wird pathologisiert, moralisiert und kontrolliert. Das ist keine Gleichberechtigung, das ist kulturelle Kastration.
Früher wurde ein Junge durch Männer in die Verantwortung geführt. Heute wird er in ein System integriert – aber nicht in sich selbst.
Meiner Meinung nach ist die Zeit gekommen, um uns ehrlich in die Augen zu blicken, um zu erkennen, was wir wirklich sind und was wir hier auf dieser Erde verkörpern. Ich wünsche, dass wir uns gegenseitig als die wertvollen Männer und Weiber behandeln und ehren, so wie wir ursprünglich gedacht waren.
Quellen
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Robert Bly, Iron John: A Book About Men (1990) – Zitat zur Vater-Sohn-Bindung
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Warren Farrell, The Myth of Male Power (1993) – Zitat zu Machtlosigkeit/Macht
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APA-Leitlinien (2018) – Originaldokument: Guidelines for Psychological Practice with Boys and Men.
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Richard V. Reeves, Of Boys and Men (2022): Brookings Institution.
